Druckluft / 6.9.2022 - 11.9.2022 / Artist Statement / PARALLEL VIENNA

Druckluft

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„[…]there is a doubt included in the idea of clouds“

In den letzten zwei Jahren bin ich dreimal geflogen. Einmal im Sommer letzten Jahres, von Marseille nach Wien und diesen Sommer zweimal, hin und zurück, nach und von Japan. Vor jeder dieser Reisen war ich daran einen Text über meine künstlerische Arbeit zu schreiben. Letztes Jahr in Marseille war es meine Diplomarbeit. Für diese wollte ich ursprünglich noch von Frankreich via Landweg über Italien fahren und die Strecke nutzen, um am Weg ein Fresko von Correggio in Parma anzusehen. Über die Wolkendarstellungen in diesem Fresko hatte Hubert Damisch in seinem Buch A Theory of /Cloud/ geschrieben und gerne wollte ich sie in echt sehen. Wegen Kosten und Zeitgründen wurde es dann doch ein Flug. Auch wenn ich das Fliegen zu meiden versuche, genieße ich es jedes Mal. Der Blick von oben auf die Erde ist immer wieder faszinierend und doch ein wenig furchteinflößend. Man ist sich bewusst, dass man gera-de mit an die 1000 km/h durch die Atmosphäre rauscht und unter einem treiben die Wolken in schlafwandlerischer Manier am Fenster vorbei. Sogar das Handy ist im Flugmodus. Es bildet sich eine Art Auszeit mit einem Gefühl trügerischer Sicherheit. Da unten passiert weiterhin seinesgleichen, verdeckt von Wolken.Als ich von Marseille nach Wien flog hoffte ich, dass, wenn ich schon nicht die gemalten Wolken von Correggio sehen würde, ich immerhin echte Wolken von oben, aus dem Flugzeug betrachten könnte. Es fällt mir schwer zu sagen, ob reale Wolken oder Wolken aus der Kunstgeschichte einen größeren Einfluss auf mich haben. Es scheint ein unauflösliches Oszillieren zwischen Theorie und Praxis zu sein und ein ständiges Zweifeln.

Wolken lassen sich am besten von oben aus betrachten. Erleben lassen sie sich intensiver von unten.Als ich diesen Sommer für eine Residency nach Japan flog machte ich 121 Fotos von Wolken aus dem Fenster. Während meiner Zeit dort machte ich unzählige mehr von unten. Der Rand des tropischen Sturms Meari streifte die Küste und schickte beeindruckende Wolken als Kundschafter, bevor er sich dann doch wieder zurück in den Pazifik zog. Über Satellitenbilder konnte man seinen Verlauf genau verfolgen. Vor Ort spürte ich den, wenn auch nur kurz einsetzenden, heftigen Regen und einen mahnenden Druck in der Luft.

Als ich diesen Text zu Ende schreibe sitze ich gerade in einem Shinkansen nach Tokyo. Äußerlich als auch innerlich gleicht diese Zugart sehr einem Flugzeug. Im Gegensatz zum Fliegen spürt man hier die Geschwindigkeit. Der Druck in den Ohren beschränkt sich nicht auf Start und Landung, es fühlt sich realer an. Nur die Wolken bewegen sich noch immer langsam in der Ferne. An meinen ersten Flug kann ich mich nicht erinnern. Bereits ein paar Monate nach meiner Geburt flogen meine Eltern mit mir nach Griechenland. Auf den Fotografien sieht es nach einer schönen Zeit aus. Auch an meine Geburt kann ich mich nicht erinnern. Auch hiervon gibt es viele Fotografien. Auf den Fotografien kurz nach der Geburt sieht alles ruhig aus.

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I have flown three times in the last two years. Once last summer, from Marseille to Vienna, and twice this summer, back and forth, to and from Japan. Before each of these trips I was writing a text about my artistic work. Last year in Marseille it was my diploma thesis. For research reasons I planned to travel home by train from France via Italy. I intended to use the route to see a fresco by Correggio in Parma on the way. The painted clouds in this fresco were mentioned by Hubert Damisch in his book "A Theory of /Cloud/" and I wanted to see them in real life. Due to cost and time reasons, I ended up taking the plane back to Vienna. Though I try to avoid flying, I enjoy it every time. The view of the earth from above is always fascinating and yet a little frightening. You are aware that you are rushing through the atmosphere at around 1000 km/h and below you the clouds are floating past the window like sleepwalkers. Even the phone is in flight mode. A strange kind of time-out is formed with a feeling of deceptive security. Its like keeps happening down there, obscured by clouds. When I flew back from Mar-seille to Vienna, I hoped that if I didn‘t see Correggio‘s painted clouds, I would at least be able to see real clouds from above. It‘s hard for me to say whether real clouds or clouds from art history have a greater impact on my work. There seems to be an indissoluble oscillation between theory and practice and constant doubt.

Clouds are best viewed from above but they are experien-ced more intensively from below. When I flew to Japan for a residency this summer, I took 121 photos of clouds through the window of the plane. And I did take countless more from below during my time there. Tropical Storm Meari‘s edge brushed the coast, sending stunning scouting clouds before eventually retreating back to the Pacific. Its course could be followed precisely via satellite images. On site I felt the heavy rain, albeit brief, and a warning pressure in the air.

As I finish writing this text, I‘m sitting on a Shinkansen to Tokyo. From the outside as well as from the inside this type of train is very similar to an airplane. In contrast to flying, you can feel the speed here. The pressure in the ears is not limited to takeoff and landing, it feels more real. Only the clouds are still moving slowly in the dis-tance. I can‘t remember my first flight. Just a few months after I was born, my parents flew to Greece with me. From the photos it looks like a good time. I can‘t remember when I was born either. There are also many photographs of this. In the photographs taken shortly after birth, everything looks calm.